WERNER KELLER


Werner Keller: Kreise

Wie der Stein, der ins Wasser fällt, konzentrische Kreise erzeugt, wird in Werner Kellers Arbeiten das Verhältnis von Ursache und Wirkung
als energetisches Prinzip weiter gedacht. Scheinbar ohne Anfang und Ende können Kreise als Metapher unendlicher Bewegung
und Medien zirkulärer, sich  erhaltender Energie innerhalb eines sich selbst erhaltenden Systems gedacht werden, das jedoch nie ohne Bezüge
zum Außen existiert.

Das Zeichnen von Kreisen wurde von jeher als höchst diffizile, virtuose Praxis angesehen, der Kreis selbst als perfekte, erstrebenswerte Form
oder als geheimnisvolle Formel für die Baupläne der Welt, die Gesetze der Schöpfung. Seine Perfektion macht ihn zum Träger für Ideen der Abstraktion
auch in der Moderne – von den ganzheitlich-anthroposophischen Ideen Rudolf Steiners bis hin zu den Kursen zur abstrakten Formenlehre von
Wassily Kandinsky oder Paul Klee am Bauhaus. Das Denken des vollkommenen Kreises bedeutet weniger ein Abstrahieren von einzelnen konkret
wahrnehmbaren Kreisen, sondern das Fassen der Idee des Kreises aus dem Geistigen heraus. Dies ist keine Abstraktion im Sinne der Konstruktion anhand
sinnlicher Wahrnehmungen, sondern die Idee geht den Wahrnehmungen der konkreten einzelnen Kreise voraus, und ermöglicht dadurch überhaupt erst
deren Wahrnehmung.

Jenseits dieser Idee der Abstraktion wird die Form des Kreises hier jedoch aus industriell vorgefertigten Material, aus alten Kabeln gelegt – materielle Träger
immaterieller Übertragungen von Energie, die wiederum als optische oder akustische Signale – als Klang oder Bild – schließlich wieder in eine Materialität
des Flüchtigen eingespeist werden.

Auch auf dieser Ebene kann die Arbeit, welche die gewöhnlich ebene, geometrische Figur durch ihre leicht konkave Krümmung ins Räumliche hinein weiter führt
und somit zwischen Bild und Skulptur oszilliert, als Figur, die Raum und Zeit zusammenbringt gedacht werden, und eröffnet so die Möglichkeit das Verhältnis von
Abstraktion und Materialität in einem anderen Rahmen weiter zu denken.